Zu diesem sehr aktuellen Thema hat der emeritierte Kieler Philosophie-Professor Wolfgang Kersting ein interessantes Buch geschrieben. Er nennt seine darin formulierten Gedanken „Ethische Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft“  und stellt dem Leser die zwei Konzepte von „Gleichheitsfreunden“ und „Freiheitsfreunden“ vor. Aktuell ist dieses Thema auch, weil der designierte Bundespräsident Joachim Gauck in seinem Buch „Freiheit. Ein Plädoyer“  deutlich macht, dass wir  von ihm zu den Themen Freiheit, Verantwortung und Toleranz in Zukunft mit Sicherheit  noch mehr hören werden.

Kersting argumentiert so: während für den Gleichheitsfreund genetische Ausstattung und soziale Herkunft  Gerechtigkeitsrisiken darstellen, die im Nachhinein durch den Sozialstaat kompensatorisch entschärft werden müssen, geht es dem Freiheitsfreund darum, zu allererst die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass möglichst viele Menschen ihre Talente ungehindert entfalten können. Ein gerechter, weil freiheitsdienlicher  und aktivierender Sozialstaat beruht auf drei Pfeilern: (1) auf einer von kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen abhängigen Grundversorgung (2) einem leistungsstarken und hinreichend differenzierten Ausbildungssystem und (3) einer produktiven Beschäftigungspolitik, die darauf ausgerichtet ist,  Arbeitsplätze zu schaffen.

Allerdings traut  der Autor der Politik nicht viel zu. Er schreibt auf S. 269: „Politiker sind…wesentlich darauf aus, glauben zu machen. Sie sind darum vor jeder Spezialisierung innerhalb des politischen Geschäfts Wirklichkeitspolitiker, Verkäufer von inszenierten Wirklichkeiten, von Realitätskonstruktionen. Dass dabei grandiose Komplexitätsreduktion  betrieben, hemmungslos beschönigt und unverfroren getäuscht wird, dass Kausalketten verkürzt, erwartbare Folgen ausgeblendet, missliebige Informationen vorenthalten, Ablenkungsmanöver versucht, Machbarkeitsillusionen genährt, gegnerische Positionen überzeichnet, böswillige Unterstellungen geäußert werden, ist bekannt.  Auch in der demokratischen Welt machen Politiker von der Wahrheit nur einen strategischen Gebrauch. Ihnen  bleibt auch gar nichts anderes übrig: Mögen in der Idealwelt Roussau und Habermas recht haben, wenn sie die Demokratie als ein notwendig Wahrheit gebärendes Verfahren preisen, in der Realwelt ist es jedoch eher umgekehrt: Weil der formale Legitimationsmodus der Demokratie politische Machtausübung abhängig von der Zustimmung der Bürger macht,  müssen sich die Politiker dieser mit allen Mitteln versichern. Die Demokratie begünstigt  also Inszenierung, Manipulation und strategische Wahrheitsverwendung.“

Joachim Gauck. Freiheit. 2. Aufl. München 2012.

Wolfgang Kersting. Wie Gerecht ist der Markt? Ethische Perspektiven der Sozialen Marktwirtschaft. Hamburg 2012