Durch-Kaskadieren ist ein Slangbegriff, der von unteren Führungskräften bzw. Mitarbeitern benutzt wird, wenn vom Vorstand beschlossene Veränderungen in der Unternehmensstrategie (womöglich mittels vorbereiteter Folien) von Hierarchieebene zu Hierarchieebene nach unten weitergegeben werden.

Dieser Vorgang ist ein typisches Beispiel für zu wenig emotionale Führung – und damit ein gewaltiger Fehler. Reine Sachlichkeit vermag Menschen nicht zu motivieren. Das haben uns vor Jahren bereits die Autoren Fisher, Ury und Patton von Getting to Yes (Das Harvard-Konzept) in ihrem Kapitel „Menschen und Probleme getrennt voneinander behandeln“ deutlich gemacht. In Konfliktsituationen eines Meetings mit der Aufforderung „Bleiben Sie doch bitte sachlich!“ den Knoten auflösen zu wollen, ist nicht zielführend. Emotionen lassen sich nicht versachlichen!

Noch immer haben auch große, sogar internationale Unternehmen diese Grunderfahrungen von Getting to Yes aus dem Jahre 1984 nicht verinnerlicht. Die TV-Journalistin Susanne Petz schreibt: „Emotionale Überzeugungskraft hat in Deutschland keine Tradition. Im Wirtschaftswunderaufschwung nach 1945 übte sich, wer zur neuen Elite gehören wollte, in sachlicher Überzeugungskraft. Nur die Leistung zählte. Dementsprechend ist die gegenwärtige Stimmung in den Führungskräftemeetings großer Unternehmen. Es werden ellenlange Sachvorträge gehalten. Viele Mitarbeiter klagen über Informationsüberflutung. Gleichzeitig fühlen sie sich nicht gut informiert. Sie werden mit Fakten zugeschüttet, mit deren Bewertung und Einordnung aber oftmals allein gelassen. Die Themen werden abgearbeitet, kaum jemand lässt sich zu einer eigenen Beurteilung hinreißen. Die Folge: Keiner hört zu. Kann man ja nachlesen.“

Diese emotionslose Haltung führt zu ‘Dienst nach Vorschrift‘–Dienst ohne eigene innere Beteiligung. In einer Gallup-Studie wird nachgewiesen, dass der Anteil der Mitarbeiter in Deutschland, der Dienst nach Vorschrift macht bzw. innerlich gekündigt hat, von 2001 bis 2013 auf sehr hohem Niveau fast gleich geblieben ist: zwischen 84 und 89%. Das heißt: Nur 11-16 Prozent der Deutschen spüren eine emotionale Bindung an ihr Unternehmen. Frau Petz schreibt: „In der Studie gibt jeder Zweite an, dass seine Führungskraft keine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre herstelle. Die Mitarbeiter mit hoher emotionaler Bindung arbeiten nach eigenem Bekunden fast alle in einem vertrauensvollen Umfeld. Immer mehr Unternehmen erkennen dieses Manko. In der Personalentwicklung werden Initiativen zur Etablierung von ‘emotionaler Führung‘ gestartet. „Ich habe das Gefühl, was ich sage, kommt nicht an.“ lautet eine typische Selbstbeschreibung einer Führungskraft.“

(Quelle: Süddeutsche Zeitung von 12.08.2014, Und jetzt noch mal mit Gefühl)