Die FC-Bayern-Arena: 500 Besucher und ein Spuckschutz - Mit dieser Überschrift berichtet der Münchener Merkur vom 08.07.15 über die neuesten Umbau-Maßnahmen im Gästeblock der Fußball-Arena.

Muss man heutzutage zuschauende Gäste vor spuckenden Fußball-Fans schützen, habe ich mich gefragt. Haben denn Menschen überhaupt keinen Respekt mehr gegenüber anderen? Reicht es nicht, dass pöbelnde Fans die Zuschauer mit Feuerwerkskörpern gefährden und den Schiedsrichter vermöbeln?

Ist Respekt vor anderen Menschen heutzutage völlig unter die Räder gekommen? Ist Respektlosigkeit normal beim heutigen Bürger? Warum? Und was verstehen wir eigentlich unter Respekt? Richard Sennett, Soziologie-Professor an der New York University, liefert folgende Definition: „Respekt ist die Idee einer Grenze der Unantastbarkeit, die jeden Menschen, ja jedes Lebewesen umgibt. Sie schützt uns in unserer individuellen Würde, Autonomie und Unverwechselbarkeit.“

Bundesinnenminister Thomas de Maizière beklagte kürzlich im Zusammenhang mit der wachsenden Zahl von diffamierenden Websites und Blogs die Respektlosigkeit, die insbesondere im Internet um sich greife. Der britisch-amerikanische Autor Andrew Keen behauptet in seinem Buch “Das Digitale Debakel“ (DVA Sachbuch 2015, € 19,99) die Welt sei durch die digitale Revolution nicht besser, sondern schlechter geworden. Das Internet sei gescheitert, denn es befördere Intoleranz und Voyeurismus, sei Schauplatz von Hetzkampagnen und regelrechten Onlinepogromen. Das Karlsruher Bündnis gegen Cybermobbing hat in seinen Studien herausgefunden, dass heute jeder dritte Erwachsene einen persönlichen Mobbingfall erlebt hat, davon bereits jeder zehnte im Internet. Bei Jugendlichen ist Onlinemobbing sogar doppelt so häufig. Woran liegt das? Der Großteil der Onlinekommunikation ist heute anonym. Und Anonymität ist Gift für Respekt. „Wirklicher Respekt – nicht Höflichkeit – ist ein nicht anonymes Phänomen.“, meint Niels Van Quakebeke von der Universität Hamburg. Die österreichische Journalistin Ingrid Strobl schreibt in ihrem Buch “Respekt. Anders miteinander umgehen“ (München 2010): „Es ist etwas anderes, wenn ich einem Menschen real gegenüberstehe, ihn ansehe, mit ihm spreche, als wenn ich nur virtuell mit ihm kommuniziere. So etwas, wie das instinktive Wahrnehmen von Gefühlen beim anderen, von Stimmung, von Verletzung, Angst, Freude geht nur von Angesicht zu Angesicht. Virtuell ist das unmöglich. (…) Damit verringert sich auch der Respekt vor dem anderen Menschen.“

Die meisten Internet-Experten scheinen sich einig zu sein: Durch das Internet rücken sich Menschen immer näher auf die Pelle und scheitern darin, den Abstand wenigstens dort einzuhalten, wo er nötig ist. Mittlerweile sehen Kommunikationswissenschaftler, Netzbenutzer und –betreiber die Verteidigung des Respekts gegen drohende Grenzverletzungen als die große Aufgabe unserer digitalen Zeit. Die Entwicklung zu immer mehr Liberalität ist immer auch eine Gefahr für den Respekt, den wir uns gegenseitig zollen. Eine Entwicklung, die letztlich hinführt zu einem Spuckschutz im Fußballstadion.

Quelle: Das Netz macht uns zu Rüpeln. Respekt ist zum Modewort geworden.
Psychologie Heute, Juli 2015, S. 64 ff