Keineswegs, sagt die Wirtschaftswoche: „Visitenkarten haben auch im digitalen Zeitalter ihren guten Sinn – als Präsent und Stilgeste. Selbst Nerds entdecken sie wieder.“

Prof. Jürgen Werner, Uni Witten/Herdecke, stellt fest, dass auch heutzutage das Geben und Nehmen von Visitenkarten seinen humanen Sinn habe. Der Kartentausch zwischen zwei Geschäftsleuten verweise nämlich auf etwas Drittes: Er verwandle eine Transaktion in eine Beziehung. Indem wir unsere Visitenkarte reichen, öffnen wir uns dem anderen und dürfen erwarten, dass unser Gegenüber sich uns ebenso öffnet.

Die Wirtschaftswoche schreibt: „Visitenkarten gehören zum Branding. Sie sind Teil des Corporate Designs, das den Mitarbeiter auf der Visitenkarte als Firmenvertreter ausweist. Nicht zufällig ist sein Name in der Regel kleiner geschrieben als der des Unternehmens. Man drängelt sich nicht vor. Daher auch die Vorliebe der Geschäftswelt für neutrale, seriös wirkende Visitenkarten. Spielerisches ist verpönt … . Jeder Visitenkarten-Knigge warnt vor ‘witzigen‘ Ideen. Trotzdem meinen manche Freiberufler, sie könnten sich dem Publikum durch ausgefallenes Design einprägen. Z. B. der Käsehändler, der mit einer Miniaturkäsereibe als Visitenkarte wirbt. Der Sommelier, dessen Karten Glasränder von Rotwein schmücken. Die Hebamme, aus deren Kartenhülle auf Druck die Karte herausfällt. Der Scheidungsanwalt, dessen Karte dank Perforation in der Mitte in zwei Teile getrennt werden kann. Solche Gimmicks, meinte der Economist jüngst, langweilen schnell oder kratzen unangenehm, wie im Fall der Käse-Karte.“

Wissenschaftler, Management-Berater und Praktiker sind sich einig: „Nachrufe auf die Visitenkarte sind verfrüht!“ Der Economist berichtet, dass selbst im Silicon Valley Visitenkarten aus Papier üblich sind. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, auf dessen Visitenkarte eine Zeit lang “I‘m CEO, bitch.“ stand, händigt Geschäftspartnern inzwischen eine feine Visitenkarte aus. Auch der digitalisierte Zeitgenosse hält sich offenbar gern an das kleine Viereck, wenn er sich einen Namen in Erinnerung rufen will.

Offenbar lässt sich eine Verbindung zwischen zwei Menschen, ein Wir-Gefühl, gestisch besser bekräftigen als digital. Karten verpflichten. Man mache nur einmal die Probe und rufe einen indischen Geschäftsmann an, der einem seine Karte beim Stehempfang zugesteckt hat. Sofort ist man wieder im Gespräch. Kein Wunder, dass Karten sogar in der Szene der Hipster und Nerds wieder ‘schick‘ sind. Der Kartentausch gehört zu den vertrauensbildenden Maßnahmen. Er ist und bleibt, um mit dem Frankfurter Soziologen Tilman Allert zu reden, ein „Türöffner der Kommunikation“. Die Karte die man seinem Gegenüber gibt, verspricht Erreichbarkeit. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes, eine verbindliche Zwischenmenschlichkeit. Ihre Botschaft heißt: "Vergiss mich nicht!“