Vor etlichen Jahren sprachen wir in einer Gruppe von Coverdale-Kollegen in London über Erfolg im Beruf. Ich vertrat die Meinung, dass zum Erfolg immer auch eine Portion Glück dazu gehört. Darauf Peter Harris: „Yes, Jan, and the more you practise the more luck you will have.“

Diese alte deutsche Regel: „Übung macht den Meister.“ ist besonders in Kreisen von Sportlern verbreitet. Im Jahr 2008 schrieb der kanadische Journalist Malcolm Gladwell in seinem Bestseller-Buch Outliers: Wer es in einem Bereich zur Spitzenklasse bringen wolle, brauche dafür kein besonderes Talent – sondern nur die Bereitschaft, rd. 10.000 Stunden zu trainieren. Das würde bedeuten: 5 Tage die Woche, 8 Stunden am Tag, über eine Dauer von 5 Jahren! Verständlich, dass diese Regel weit verbreitet ist; denn sie macht Mut. Wer sich anstrengt, kann alles schaffen!

Aber, moderne Arbeits-Psychologen haben leider herausgefunden, dass diese Regel nur bedingt stimmt. Zum Erfolg braucht es zusätzlich zum Training auch Talent. Zach Hambrick, Psychologe an der Michigan State University, hat in den vergangenen Jahren mehrere Untersuchungen veröffentlicht, die die These vom antrainierten Erfolg widerlegen. Im Jahr 2014 zum Beispiel wertete er zusammen mit zwei Co-Autoren insgesamt 88 Forschungsarbeiten aus. Jede einzelne hatte sich vor allem mit einer Frage beschäftigt: Was ist wichtiger – Talent oder Training? Und tatsächlich: Egal, ob bei Schach, Sport oder Musik – Übung und Training waren zwar immer ein Faktor, niemand wird als Schachgroßmeister oder Violinen-Virtuose geboren. Doch der tatsächliche Effekt des Trainings war überraschend gering. Bei Schach machte er 26 % aus, bei Musik etwa 21 % und bei Sport nur rund 18 %. Warum gerade Schach, Musik oder Sport? Weil sich hier der Input und der Erfolg relativ leicht messen lassen. Wieviele Stunden pro Woche ein Basketballspieler an seinem Drei-Punkte-Wurf arbeitet, ist gut feststellbar.

Wie weit sich derartige Studien auf andere Berufsarten übertragen lassen, ist unklar. Schwieriger wird es vor allem bei komplexen Tätigkeiten, aus denen die meisten Berufe bestehen. Aber auch für diese Bereiche weiß man inzwischen: Training ist nicht alles. Denn in vielen Berufen hängt die Leistung vom generellen Intelligenzquotienten ab - und der ist zu einem großen Teil angeboren. Bleibt also die recht allgemeine Erkenntnis: Für den Erfolg braucht es eine Kombination aus Talent und Fleiß. Und selbst das reicht oft nicht, denn man braucht eben auch das nötige Umfeld und das nötige Glück.

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 5, 27.01.2017, S. 87 f.