In den Anfangsjahren von Coverdale in Deutschland wurde die Management-Literatur beherrscht von Tom Peters Buch In Search of Excellence (New York, 1982). Der ehemalige Berater im Weißen Haus und spätere Unternehmensberater Peters negiert in diesem Buch überkommene Formen der Betriebsführung und lässt sich auf das Abenteuer und die Herausforderung neuer Ideen ein. Dabei schöpft er stark aus dem Fundus der Sozialwissenschaften, z.B. indem er ‘softer factors‘ (im Coverdale-Deutsch: Prozess-Kompetenz) einfordert. Uns Coverdaler begeisterte später (1988) in einem neuen Peters-Buch Thriving on Chaos (New York, 1988, 561 Seiten) u.a. auch die Hervorhebung der Bedeutung des Zuhörens als Teil moderner Management-Kunst. Im Kapitel C-7 auf Seite 145 „Become Obsessed with Listening“ präsentiert Peters drei Beispiele für ‘gutes Zuhören‘, die auch in der Coverdale-Arbeit eingesetzt werden könnten. In einem weiteren Buch Jenseits der Hierarchien. Liberation Management (Düsseldorf, 1992, 1007 Seiten) erklärt Peters nicht nur den Hierarchien in Unternehmen den Krieg, er fordert auch den Abschied von der vertikalen Integration (S. 403 ff). Er schreibt: „Unternehmen konzentrieren sich auf das, was sie am besten können, und lagern die übrige Arbeit an eine wachsende Zahl unternehmerischer Firmen aus.“ (S. 404). Und weiter: „Das vertikal integrierte Unternehmen wird zu schwerfällig und nimmt sich selbst den Zugang zu vielen reichen Innovationsquellen.“ (S. 414)

Wie wir seitdem verfolgen konnten, haben sich Unternehmen weitgehend an diese Lehre gehalten. Outsourcing blühte! Und dennoch: Jetzt plötzlich gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die vertikale Integration zurückkehrt. In der Ausgabe des Economist vom 16.04.2016 (S. 55) beschreibt das Kapitel „An old management idea gets a new lease of life/Eine alte Management-Idee gewinnt neuen Aufschwung“ wie und warum die beiden Firmen Apple und Tesla neuerdings zu den am meisten vertikal integrierten Unternehmen zu rechnen sind. „Apple schreibt nicht nur sehr viel eigene Software, sondern entwickelt auch eigene Chips und betreibt eigene Läden.
Tesla stellt 80% seiner Elektroautos selbst her und vertreibt sie direkt an die Verbraucher. Tesla ist auch gerade dabei, ein Netzwerk von Service Stations zu entwickeln sowie der Welt größte Batterie-Fabrik in der Wüste von Nevada zu bauen.“

Eine wachsende Zahl von Unternehmen scheint neuerdings das in den letzten 30 Jahren praktizierte Outsourcing zu überdenken. Am deutlichsten ist das bei der Informationstechnologie zu bemerken. Gründe für dieses Umdenken gibt es genug.
Fünf davon scheinen zu überwiegen. „Der wichtigste ist: Einfachheit. Die Verbraucher sind bereit, einen besonderen Preis zu bezahlen für Produkte, die gut integriert sind und sie nicht zwingen, mit unterschiedlichen Herstellern kommunizieren zu müssen … .
Ein zweiter Grund ist, dass Firmen, die auf dem Feld der Technologie arbeiten, oftmals der Meinung sind, es sei effektiver, Dinge im eigenen Haus herzustellen. Unternehmen, die die Zukunft neu erfinden, bleibt nichts anderes übrig, als Geld auszugeben für neue Projekte anstatt Dinge von außen auf Vorrat einzukaufen. So erklärt sich Teslas ‘Riesenfabrik‘ für Batterien: Deren Verfügbarkeit ist die wichtigste Voraussetzung für Teslas weiteres Wachstum … . Die Firma Boing versuchte, durch die Auslagerung von 70% der Produktion des Dreamliners 787 Herstellungskosten zu reduzieren. Das Ergebnis war ein Desaster: Teile kamen zu spät, Stücke passten nicht zueinander, Lieferfristen wurden nicht eingehalten. Das Unternehmen musste seinen Kurs ändern, indem es die Produktion wieder im eigenen Hause ansiedelte und dazu eine weitere Fabrik kaufte.“
Ein dritter Grund ist Auswahl. „Je mehr der Markt anbietet, umso wichtiger ist es, eine gute Beziehung zu den Kunden aufzubauen. Die Firmen Netflix und Amazon entwickeln z.B. ihre eigenen Fernsehprogramme, um die Nutzer davon abzuhalten, sich anderswo zu bedienen.“
Viertens wird die Auswahl noch verstärkt durch Geschwindigkeit. „Mode-Hersteller wie Spaniens Firma Zara haben sich jeglichem Outsourcing total verweigert. Stattdessen betreiben sie die Herstellung im eigenen Haus, beschäftigen ihre eigenen Designer und unterhalten ihre eigenen Läden … . Dadurch haben sie einen großen Vorteil: Sie können den neuesten Trend sofort in neue Produktion umsetzen, wenn nötig in kleinen Mengen und bieten diese nach wenigen Wochen in den eigenen Läden an.“
Ein fünfter Grund für die Rückkehr zur vertikalen Integration liegt in einem Zusammenwirken uralter Sorgen über geopolitische Unsicherheiten sowie neuer Befürchtungen betreffs der Umwelt. „Im Jahre 2015 hat beispielsweise IKEA … nahezu 100.000 Morgen Wald in Rumänien und der baltischen Region gekauft … . Kreuzfahrt Unternehmen wie Costa und Disney haben in der Karibik und den Bahamas Inseln gekauft, damit sie ihren Passagieren leere und unberührte Strände garantieren können.“

Natürlich wird nicht jedes Unternehmen völlig zur vertikalen Integration zurückkehren. Es wird für viele Unternehmen darauf hinauslaufen, dass individuell die richtige Balance, gefunden wird. Aber die richtige Balance zwischen der Produktion im eigenen Hause und dem Outsourcing zu finden, ist heutzutage sehr viel komplizierter als es zu den Zeiten war, als Tom Peters und seine Mit-Gurus den Unternehmen empfahlen, sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten können und den Rest auszulagern.