... sagt Nilofer Merchant. Sie sagt auch etwas, das Ralph Coverdale immer wieder gepredigt hat: „Man muss nicht darauf warten, dass einem Autorität gegeben wird. Autorität muss man sich nehmen!“ Als ich Ralph fragte: „Und wie macht man das?“, antwortete er: „Schon wenn Du in einer Gruppen-Diskussion aufstehst und ans Flipchart gehst, beginnt damit für Dich der Prozess des Autorität-Nehmens!“

Und wer ist Nilofer Merchant? Eine 46-jährige in den USA aufgewachsene indische Wirtschaftswissenschaftlerin mit langer IT-Karriere, unter anderem bei Apple und Autodesk, Unternehmerin und Managerin, Dozentin an der Stanford University, Autorin und Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte. Sie nennt sich “Jane Bond of Innovation“.

Auf der Jahreskonferenz 2014 des Global Drucker Forums in Wien sprach die in den USA mit dem 50-Future-Thinker-Award ausgezeichnete Vordenkerin zum Thema Creating the Future (Vortragshonorar 20.000 US$). Schon nach den ersten 10 Minuten ihres Vortrags twitterte einer der teilnehmenden Wirtschaftsprofessoren: „Nilofer is rocking the stage!“

In ihrem vielfach prämierten Buch “Eleven Rules for creating Value in the Social Era“ fordert sie, man brauche eine Ära der gemeinschaftlichen Netzwerke, um Ideen und Visionen zu entwickeln. Ideen hat man nicht nur allein im stillen Kämmerlein oder auf Spaziergängen, sondern für das Generieren von Ideen braucht man andere Menschen, braucht man jede Form von Zusammenarbeit. Wobei sie deutlich macht, dass ‘social‘ nichts zu tun hat mit sozial (wie es in der deutschen Übersetzung bei Facebook irrtümlich heißt), sondern ‘social‘ heißt gemeinschaftlich. Sie schreibt: „Früher haben Organisationen Wert geschaffen, Kapital hat Wert geschaffen. Heute sind es Ideen. Ideen kommen dir, weil du an einem Ort stehst, an dem nur du stehst, mit all deiner Erfahrung, deiner Lebensgeschichte und du verbindest bestimmte Punkte. Dann kannst du sagen: Ich sehe etwas, das du nicht siehst.“ Um diese Ideen zu haben, brauche man Verbindungen zu anderen Menschen. Deshalb die Ära der ‘social networks‘. „Wenn Sie mit Kapital, Öl, Sand oder Silizium zu tun haben, kommt es auf Größe an.“ sagt sie. „Künftig kommt es auf Verbindungen an.“

Nilofer Merchant lebt z. Zt. in Paris, beschäftigt sich mit den Vorgehensweisen europäischer Unternehmer und Manager und arbeitet an einem neuen Buch über Einzigartigkeit, das sie "Onlyness“ nennt. Ihre Sichtweise vis-à-vis europäischer Unternehmer ist kritisch. Bei Autodesk wurde sie seinerzeit gefeuert, weil sie an der Durchsetzung ihrer Ideen scheiterte. Sie schrieb später von einer ‘wertvollen Lektion‘. Derartige Möglichkeiten, sich seitwärts, auf und ab in Richtung Erfolg zu bewegen, vermisst sie in Europa. Sie sagt: „Wenn du in Frankreich versagst, darfst du es nicht noch einmal versuchen. Wenn du in den USA versagst, heißt das, du weißt jetzt mehr. Niemand geht ein Risiko ein, wenn er oder sie sich nicht sicher fühlen kann, das ist erwiesen. Genau das aber wird unternehmerisch denkenden Menschen in Europa nicht beigebracht.“

(Quelle: Süddeutsche Zeitung, 27./28.12.2014)