Mark Twain hat einmal gesagt: „Das menschliche Gehirn ist eine großartige Sache. Es funktioniert vom Augenblick der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wo Du aufstehst, um eine Rede zu halten.“

Von Barbra Streisand wissen wir, dass sie im Jahre 1967 vor 100.000 Zuschauern im New Yorker Central Park plötzlich ihren Text vergaß. Der Schreck und die Scham darüber veranlassten sie, 27 Jahre lang überhaupt nicht mehr live aufzutreten. Heute singt sie nur noch mit Teleprompter.

Die amerikanische Medizin-Journalistin Sara Solovitch hat vor Kurzem ein Buch herausgebracht (Playing Scared. A History and Memoir of Stage Fright) und geht ein auf die Frage: „Warum fürchten sich so viele Menschen davor, öffentlich zu sprechen oder aufzutreten?“ Sie schreibt: „Psychologisch betrachtet ist die Angst vor Auftritten schlichtweg die Furcht vor einer negativen Beurteilung durch andere Menschen.“ Einer US-amerikanischen Studie zufolge geben 74 % der Menschen ‘Sprechen in der Öffentlichkeit‘ als eine ihrer größten Ängste an. Selbst Cicero, der berühmteste Redner im alten Rom, soll unter Lampenfieber gelitten haben.

Und warum heißt “Stage Fright“ im Deutschen “Lampenfieber“? Nach Angaben des Duden leitet er sich von der Beleuchtung auf einer Bühne ab, den sogenannten Rampenlichtern. Frau Dr. med. Deirdre Mahkorn beschäftigt sich seit Langem mit der Frage, ob und wie Lampenfieber heilbar ist. Sie hat vor fünf Jahren eine Lampenfieber-Ambulanz an der Universität Bonn gegründet, die sie mit einem Kollegen führt. Dort lassen sich aus beinahe allen deutschen Theatern und Rundfunkorchestern Musiker behandeln, genauso wie Politiker oder Führungskräfte großer Unternehmen.

Auch Frau Mahkorn hat kein Patentrezept gegen Lampenfieber. Aber sie sagt: „Je öfter Sie sich einer Situation aussetzen, vor der Sie Angst haben, desto eher können Sie damit umgehen.“ Gerhard Mantel, Professor an der Musikhochschule Frankfurt/M, schreibt in seinem Buch “Mut zum Lampenfieber“: „Je grösser der freie gestalterische Spielraum, den man sich selbst bei einem Auftritt zugesteht, desto geringer die Angst, einen Fehler zu machen. Oder andersrum: Je höher die Erwartungen an sich selbst und je starrer das Korsett des Vortrags, desto schwerer macht man es sich.“

Quelle: Wirtschaftswoche 39 v. 18.09.15, S. 98-101