Volksverräter ist das Wort, das die Sprach-Gelehrten Deutschlands gerade jetzt für 2016 zum „Unwort des Jahres“ erklärt haben. Das erinnert mich an das Buch Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, das bald nach dem Zweiten Weltkrieg erschien. Das Autorenteam Sternberger/Storz/Süskind untersucht in diesem 339-Seiten-Werk die Frage, wie weit es den Nazis gelang, das deutsche Volk über gezielte Sprache für ihre Ideologien zu beeinflussen. Seit dem Lesen dieses Buches sind mir die Zusammenhänge zwischen Sprache und Tun sehr bewusst.

„Unter allem, was auf die Sprache einwirkt, ist das Beweglichste der menschliche Geist selbst!“ hat schon Wilhelm von Humboldt (preußischer Bildungsreformer 1767-1835) behauptet. Diese Erkenntnis findet sich wieder in den kognitionslinguistischen Analysen von Professorin Elisabeth Wehling vom International Computer Science Institute der US-amerikanischen Berkeley Universität. Wehling und ihr Forschungsteam haben herausgefunden, dass menschliches Denken nur zu 2 % von Fakten gesteuert wird. Wie kann das sein? Weil Fakten nicht entscheidend sind sondern gedankliche Deutungsrahmen, in der Wissenschaft Frames genannt. Wie bedeutsam dies ist, hat sich jüngst in der Trumpschen Wahlkampagne gezeigt und wird von Wehling in ihrem Buch Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht (222 S., Köln 2016, € 21) eingehend und überzeugend dargestellt.

Das Buch bringt viele, viele Beispiele und Forschungsergebnisse, die zeigen, „dass Menschen nicht fähig sind, Entscheidungen außerhalb sinngebender Frames allein aufgrund rationaler, also rein sachlicher und objektiver Einschätzungen von Fakten zu treffen. Das zeigen z.B. Studien wie diese: Probanden mussten entscheiden, ob Patienten, die an einer schweren Krankheit litten, einen potentiell heilenden Eingriff durchführen lassen sollten oder nicht. Das Risiko, bei dem Eingriff zu sterben, lag bei 10 %. Jene Probanden, denen dieser Fakt als 90-prozentige Überlebenschance kommuniziert wurde, entschieden sich für den Eingriff. Jene aber, denen der Fakt als 10-prozentiges Sterberisiko vermittelt wurde, entschieden sich dagegen … . Man bedenke, dass es sich hier um einfachste Prozentrechnung handelte: 10 % versus 90 %. Wirklich ganz simpel. Wäre es also tatsächlich so, dass Menschen sich ihre Meinung aufgrund der reinen Faktenlage bilden könnten, so hätten die Teilnehmer der Studie ihre Entscheidungen sicherlich nicht aufgrund der ihnen sprachlich angebotenen Frames von Sterben und Leben getroffen. Nun, genau das taten sie aber. Sie entschieden sich aufgrund der Frames, nicht aufgrund einer rationalen Einschätzung der Fakten.“ (S. 46)

Ein anderes Beispiel zeigt, wie sehr Frames uns beeinflussen können – bis dahin, dass wir denken, nicht Gesagtes tatsächlich gehört, nicht Geschehenes tatsächlich gesehen zu haben. Frau Wehling schreibt dazu: „Ziehen wir eine weitere Studie heran, über die das Phänomen frame-basierter Sprach-verarbeitung gut verdeutlicht werden kann. In diesem Experiment las eine Gruppe von Teilnehmern ‚John wollte das Vogelhaus reparieren. Er schlug auf den Nagel, als sein Vater hinzukam.‘ Eine zweite Gruppe las: ‚John wollte das Vogelhaus reparieren. Er suchte den Nagel, als sein Vater hinzukam.‘ Ein wenig später wurde getestet, ob die Teilnehmer dachten, sie hätten in dem Text u.a. das Wort Hammer gelesen. Und nun geschah dies: Über die Hälfte derjenigen Teilnehmer, die das Wort ‚schlug‘ gelesen hatten, gaben eifrig an, auch das Wort ‚Hammer‘ gelesen zu haben! In der zweiten Gruppe war es nur ein Fünftel … . Dieses Experiment zeigt in wirklich einleuchtender Weise, wie unser Gehirn um des Begreifens einzelner Worte willen ganz automatisch ein Bouquet semantisch angegliederter Ideen aktiviert. Frames geben einzelnen Worten Bedeutung, indem sie diese in einen Zusammenhang mit unserem Weltwissen stellen. Und dies kann so weit führen, dass wir meinen, die mit einem einzelnen Wort verbundenen Ideen nicht nur gedacht zu haben, sondern schwören könnten, sie auch gehört oder gelesen zu haben.“ (S. 29 f.)

Erkenntnisse über Frames spielen natürlich in der politischen Debatte eine besondere Rolle. So macht es einen Unterschied, ob Frau Merkel sagt: ‚Wir schaffen das!‘ oder ob sie sagt ‚Wir wollen das schaffen!‘. Mit dem Wort ‚wollen‘ wird ein völlig anderer Frame aktiviert!
Frau Wehling schreibt: „Es ist also wichtig, in sozialen und politischen Diskursen diejenigen Frames zu nutzen, die der eigenen Weltsicht gerecht werden. Nur so können ideologische Vielfalt und transparente, ehrliche Diskurse langfristig gesichert werden. Bewusstes politisches Framing ist eine Überlebensstrategie für unsere Demokratie.“ (S. 43)