Wer macht denn sowas? Leider viele! In Deutschland bis zu 5 Mio. Arbeitnehmer und etwa 3 % aller Studenten. In den USA noch weit mehr: „Dort puscht sich … jeder Zehnte oder sogar mehr als ein Drittel der Beschäftigten mit Arzneien am Arbeitsplatz auf.“

Man spricht in Deutschland von ‘Hirn-Doping‘. Der Fachausdruck ist: „Pharmakologisches Neuro-Enhancement“. Menschen werfen mehrmals im Monat Pillen ein, in der Hoffnung am Arbeitsplatz durchzustarten oder Ängste abzubauen. Je einfacher das Niveau ihrer Tätigkeit, umso mehr neigen Erwerbstätige zum Hirn-Doping. Arbeiter tun es genauso wie Angestellte, Beamte genauso wie Selbständige. Besonders anfällig ist, wer im Beruf seine Emotionen unterdrücken muss, an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit arbeitet oder dessen Tätigkeit keine Fehler erlaubt.

Die DAK (Deutsche Angestellten Krankenkasse) hat eine bundesweite Erhebung zum Thema Doping am Arbeitsplatz durchgeführt. Ergebnis: „Erstens bringt gesunden Menschen die Einnahme von Psychostimulanzen, Antidepressiva, Antidementiva und Betablockern nichts Positives. Gesunde Menschen verleitet eher der Glaube an die heilsame Wirkung dazu, diese Arzneien zu nehmen. Doch damit nehmen sie große Risiken auf sich. Diese reichen bis zu Persönlichkeitsveränderungen und Sucht. Zweitens, und das steht im krassen Gegensatz zum ersten Befund, zeigt diese Studie sechs Jahre nach einer ersten ähnlichen Erhebung, dass der Konsum trotzdem zunimmt, langsam aber stetig.“

Zur Beunruhigung unter Fachleuten trägt ein weiteres Ergebnis der Studie bei: Danach bezieht mehr als die Hälfte der Gesunden ihr Medikament per Rezept vom Arzt. Obgleich der die Pillen eigentlich gar nicht verschreiben dürfte. Aber der Arzt will seinen Patienten nicht vergraulen. Er denkt sich, dass es doch reiche, auf die Risiken hinzuweisen.

Noch deutlicher steht die Pharma-Industrie in der Verantwortung. Sie vertreibt die Mittel im eigenen Gewinnstreben nur zu gerne und zieht sich rechtlich aus der Affäre, indem sie auf den Beipackzettel schreibt: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“

Fachleute sagen, Verbote – wie im Sport – würden zur Einschränkung des Hirn-Dopings nicht taugen: kaum durchführbar. Wissenschaftler raten deshalb zu verstärkter Aufklärung. Dieser Empfehlung folgend hat sich kürzlich im norddeutschen Varel eine Arbeitsgruppe Anti-Doping im Beruf gebildet, mittels derer die Stadt, die Krankenkassen und etliche Unternehmen (Bahlsen, Deharde, Premium Aerotec, Nautimo sowie die Papier u. Kartonagenfabrik) das Doping am Arbeitsplatz bekämpfen wollen.

Quelle: Süddt. Ztg. v. 02./03./04.10.2015, „Beruf & Karriere“, S. 13