Dr. Reinhard K. Sprenger gilt als einer der führenden Management-Trainer im deutsch-sprachigen Raum. Fast regelmäßig veröffentlicht er in der Wirtschaftswoche eine Kolumne 'Sprengers Spitzen'. In der Ausgabe 3/14 schreibt er eine Kritik: „Nur noch den Hintern retten. Warum eine Minderleister-Quote gegen schwache Mitarbeiter Unternehmen schadet.“ Seine Kritik richtet sich gegen die Yahoo-Chefin Marissa Mayer, weil sie in ihrem Unternehmen nicht nur die Home-offices abgeschafft, sondern nun auch eine jährliche Minderleister-Quote für leistungsschwache Mitarbeiter eingeführt habe.

Sprenger beschreibt Frau Mayer als „sich rekelndes Modepüppchen in einem Hochglanzmagazin“, nennt sie „eine begnadete Selbstdarstellerin“ und fährt fort: „Jedes Marketingmittel ist ihr recht, um den Kampf um Aufmerksamkeit gegen mächtige Wettbewerber zu gewinnen.“

Mal abgesehen von seiner offensichtlichen Abneigung gegen Frau Mayer dürfte Sprenger mit seiner Kritik an jährlichen Minderleistungs-Quoten nicht ganz falsch liegen. Immerhin räumt er ein, dass Frau Mayer „mit ihrer Aussage durchaus einen wunden Punkt getroffen hat: statistisch schleppt jedes Unternehmen mindestens 10% leistungsschwache Mitarbeiter mit. Leute, die nur noch da sind, aber nicht mehr dabei. In Branchen mit strengem Kündigungsschutz liegt der Prozentsatz höher. Zudem haben wir ein massives Konsequenz-Problem in den Unternehmen. Verantwortlich dafür ist die geradezu absurd arbeitnehmerfreundliche Rechtsprechung. Aber auch viele Führungskräfte sind Schönwetterkapitäne. Als Bonbon-Onkel finden die sich prima, lassen aber jede Konsequenz vermissen, wenn Geben und Nehmen nicht mehr ausgeglichen sind.“

Sprenger schreibt weiter: „Aber löst eine Minderleistungsquote diese Probleme? Eindeutig nein. Wie jede Quote ist sie totalitär und dümmlich. Totalitär, weil wir nicht vergessen sollten, wer die großen Quotierer waren: Hitler, Stalin, Mao. Dümmlich, weil sie nur neue Probleme schafft: Sie schädigt das Image des Unternehmens auf den Personalmärkten ...
Geschwächt wird auch die Kernidee eines jeden Unternehmens: die Zusammenarbeit. Dass es nicht um die persönliche Exzellenz geht, sondern das passgenaue Zusammenspiel unterschiedlicher Menschen. Frau Mayers Quote dagegen ist der Triumph des alten personenzentrischen Denkens über das Primat der Kooperation.“

Sprengers Kritik an einer Quote von Minderleistenden ist durchaus berechtigt – nur scheinen mir Hitler, Stalin usw. in seiner Argumentation etwas zu weit hergeholt. Noch schwieriger wird es, Sprenger zu folgen, wenn er von der Minderleistungsquote behauptet: „seit der damalige General-Electric-Chef Jack Welch in den neunziger Jahren damit hantierte, verhalten sich viele Unternehmen ähnlich ...“

Schwierig deshalb, weil Jack und Suzy Welch in ihrem 2005 in Deutschland erschienenen Buch „Winning. Das ist Management“, das damals – und vielleicht sogar noch heute - in Wirtschaftskreisen ein Verkaufsschlager war, genau das Gegenteil beschreiben. Zwar bestätigen auch die Welch die von Sprenger genannten 10% Minderleistenden: „In größeren Unternehmen stellen die mittleren 70% oft eine sehr differenzierte Gruppe dar. In gewisser Weise gibt es da eine ‚Zwiebelstruktur’ – 20% Top-Leute, einen breiten, soliden Mittelteil und eher mäßige 10%.“ (Seite 132) Statt diese mäßigen Mitarbeiter auf eine Quoten-Liste zu setzen, empfehlen die Autoren im Welch-Buch, die Mäßigen zu motivieren: „Schulung und Weiterbildung leisten eben dies, nicht weniger als Belohnungen materieller oder immaterieller Art. Derlei Maßnahmen motivieren die Menschen, weil sie eine Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln, weil sie sehen, dass das Unternehmen sich für sie engagiert und weil sie spüren, dass sie persönlich eine Zukunft haben.“ (Seite 125).

In diesem Sinne beschreibt das Buch in seinem Kapitel „Personalmanagement: Sie haben die richtige Mannschaft – und jetzt?“ über 24 Seiten, gestützt auf persönliche, praktische Erfahrungen, wie Führungskräfte im Einzelnen mit der Motivierung minderleistender Mitarbeiter umgehen sollten. Von Quote ist hier überhaupt nicht die Rede.

 

Quellen:
Wirtschaftswoche Nr. 3, vom 13.01.2014, S. 78
Jack u. Suzy Welch: Winning. Das ist Management, Frankfurt (Campus), 2005, 399 S.