Starker Dialekt gilt als Karrierehindernis. Dialektsprechende Schauspieler im Stuttgarter “Tatort“ finden zwar, dass ihre Texte „rainschder Bogmischt“ sind, aber dennoch: es wird Hochdeutsch verlangt. „Wer ausschließlich Dialekt spricht und nicht auf Hochdeutsch umschalten kann, wird heute nicht mehr ganz ernst genommen.“, sagt Prof. Beat Siebenhaar, Dialektforscher an der Universität Leipzig.

Im Fon-Institut von Ariane Willikonsky in Stuttgart können Mundart-Sprecher lernen, auf Hochdeutsch umzuschalten – wenn dies nötig ist. Nötig ist dies in vielen, ganz bestimmten Berufssituationen. Und deshalb kommen viele Schüler im Fon-Institut nicht aus freiem Willen, sondern weil der Chef sie schickt. Für viele berufliche Situationen ist Hochdeutsch besser, neutraler, akzeptierter, seriöser. Dieter Schenk, Geschäftsführer einer Nürtinger Dachbegrünungsfirma, sagt: „Wenn ich bei einem Vortrag Zuhörer aus ganz Deutschland habe, gehe ich mit Hochdeutsch besser auf sie ein. Das ist nun mal die Arbeitssprache.“ Frau Willikonsky berichtet aus ihrer jahrelangen Erfahrung, dass besonders für Schwaben die S- und E-Laute extrem vertrackt sind. Deshalb ist bei ihr in der Sprecherziehung ein beliebter Übungssatz: „Es streben der Seele Gebete den helfenden Engeln entgegen“.

Ariane Willikonsky berichtet: „Nicht nur Schwaben wollen Hochdeutsch lernen.“ Sie unterrichtet auch Sachsen, Bayern, Franken oder Hessen. „Das ungeheure Interesse daran hat mich völlig überrollt.“, sagt sie. Ihre ursprüngliche Gründungsidee fand einige Nachahmer. Auch in Köln, Königswinter oder Hamburg gibt es heute Seminare für Dialektsprecher. Das Fon-Institut hat inzwischen 4 Filialen und etwa 50 Mitarbeiter. Die meisten Kunden bevorzugen Einzelunterricht. Sie wollen ihre Sprechweise nicht vor anderen Teilnehmern analysieren lassen. „Dabei kann man gerade aus den Fehlern anderer sehr viel lernen.“, so Willikonsky.

Der Dialektforscher Siebenhaar begründet seine Empfehlung, jederzeit auf Hochdeutsch umschalten zu können, mit der Tatsache, dass alle Dialekte automatisch mit bestimmten Eigenschaften verknüpft werden. Und: „Derartige Stereotypen sind äußerst hartnäckig.“, sagt er. „Hessen sind gutmütig, Schwaben sparsam, Berliner sprechen frei Schnauze. Dann wird nur noch das wahrgenommen, was ins stereotype Bild passt, auch wenn es mit der Realität nicht viel zu tun hat. Stereotypen sind ja auch sehr bequem nach dem Motto: Wenn viele andere finden, dass Sachsen überheblich sind, dann wird das wohl stimmen. Es ist nicht leicht, sich von solchen Einstellungen frei zu machen.“

60 % der Deutschen können einen Dialekt sprechen. Die meisten Mundartler gibt es im Saarland, den dortigen Dialekt beherrschen 96 %. In Bayern und Baden-Württemberg sind es 86%. Das norddeutsche Platt erhält die meisten Sympathiepunkte, gefolgt vom Bayerischen und Alemannischen. Bei den unbeliebtesten Dialekten ist Sächsisch Spitzenreiter.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Zum Abgewöhnen. 01./02.11.2014 S. 79