Das Thema Digitalisierung verfolgt uns in diesen Tagen mehr als genug und zwingt uns noch mehr zum Nachdenken. Vielleicht ist es deshalb der richtige Zeitpunkt, sich des Analogen zu erinnern.

Das tut Harald Welzer sehr nachdrücklich und streckenweise sogar ganz schön aggressiv. Nachstehend einige seiner Gedanken. Wobei zu bemerken ist, dass Welzers Denken im ‘Elfenbeinturm‘ eines forschenden und lehrenden Akademikers stattfindet und praktischen Bezug wohl eher zu ihm selbst und seinem Leben hat.

Prof. Dr. Harald Welzer (57) ist Politikwissenschaftler, Soziologe und Sozialpsychologe. Er arbeitet u.a. an der Europa-Universität Flensburg sowie an Universitäten in St. Gallen und Atlanta (USA). Er hat eine beachtliche Anzahl Veröffentlichungen vorzuweisen; gerade ist ein neues Buch von ihm erschienen: Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit. Eine Untersuchung der Probleme unserer heutigen Gesellschaft (S. Fischer Verlag).
Welzers neuerliche Publikationen sind alle durchzogen von der Überzeugung, es gehe bei der Lösung der Probleme in unserer Gesellschaft nicht um Wachstum, Effizienz und Konsum, sondern um Glück und Zukunftstauglichkeit. Im neuesten Buch geht es um die Debatte: Die digitale Diktatur – und wie man sie bekämpft.

Welzer behauptet: „Die Digitalisierung ist nichts als ein Beschleuniger des Konsums von Gütern und Dienstleistungen … Google und all die anderen lösen doch ausschließlich Probleme, die wir nie gehabt haben … Flüchtlingskrise, Kriege, Abhängigkeit von Rohstoffen, Umweltzerstörung, Klimawandel, Landraub und all die anderen Folgen eines in seiner Steigerungslogik ungebremsten Hyperkonsums … all das sind Probleme, von denen nicht ein einziges mit den Mitteln der Digitalisierung zu lösen ist.“
Welzer leitet daraus ab, dass wir der Digitalisierung mehr Skepsis, mehr Kritik, mehr Protest entgegensetzen sollten. Wichtiger seien für das Gedeihen unserer Gesellschaft erfolgreiche soziale Prozesse. Für die brauchten wir Regeln wie: Recht, Gewaltenteilung, Demokratie, Lebenssicherheit, Vereinbarungen, Zielklärung, soziale Kompetenz. Solche „werden in modernen Gesellschaften durch staatliche Institutionen garantiert, nicht durch Märkte, nicht durch Algorithmen. Nein, sie werden durch Sie, den Bürger, als Souverän garantiert … . Da die smarten Diktatoren die Prinzipien und Werte des Rechtsstaats nicht interessieren, werden sie alles dransetzen, sie zu umgehen, zu modifizieren, zu ersetzen, obsolet werden zu lassen. Die wirtschaftliche Macht, die sie akkumuliert haben, hilft ihnen dabei genauso wie die Naivität der politischen Eliten.“

„Wehren Sie sich, wehren Sie sich mit Systemstörungen!“ schreibt Welzer. „Ich fühle mich von Shitstorms in sozialen Netzwerken nicht betroffen, weil ich nicht in sozialen Netzwerken bin!“ In einer Anleitung für Systemstörungen gibt Welzer zu bedenken:
„Vergessen Sie nicht: Das Leben ist analog. Beziehungen sind analog. Empathie, Liebe, Hass, Wut, Mitleid und Freunde sind analog … . Im Netz bekommen Sie Hilfe nur in trivialen Fällen, wenn es hart auf hart kommt, brauchen Sie Menschen. Die sind analog. Denken Sie dran: Konsum von Produkten und Dienstleistungen ist die zentrale Datenquelle. Hören Sie auf, sich das, was Sie brauchen, online zu besorgen. Misstrauen Sie allen Apps. Am besten, Sie schmeißen Ihr Smartphone einfach weg und besorgen sich das gute alte Handy das nichts kann … .“
Welzer empfiehlt: „Gegen die smarte Diktatur, die digitale Entlebendigung, muss man das analoge Leben setzen: Poesie, Musik, Sex, Liebe, alles, was das Leben ausmacht, ist analog und es gibt es nur offline …: Freiheit gibt es nur offline. Ach so: Intelligenz gibt es auch nur offline. Im Netz gibt es nur künstliche Intelligenz und die eben auch nur dann, wenn Strom da ist, der übrigens auch offline erzeugt wird.“

Quelle: Welzers o.g. Buch u. Der Spiegel 17/2016